DIE NEUE BIOGRAFIE

Gespräche mit LEOPOLD KOHR über sein Leben: Das menschliche Maß. Eine Utopie? Von Gerald Lehner. Hardcover, 182 Seiten, 17 Euro. Verlag Edition Tandem, Salzburg 2014.

„Small is beautiful“? Dem Philosophen und Widerstandskämpfer Leopold Kohr wird dieser international bekannte Slogan immer wieder zugeschrieben. Der Ökonom, Journalist, Austro-Amerikaner und gebürtige Salzburger (1909–1994) hatte aber nur indirekt damit zu tun. „Small is beautiful“ war 1973 der Titel eines Buches von Kohrs Schüler Fritz Schumacher in Großbritannien.

Lehner, Gerald: Das menschliche Maß. Eine Utopie? Gespräche mit Leopold Kohr über sein Leben. Verlag Edition Tandem. Salzburg 2014. ISBN 978 – 3 – 902932 – 01 – 3

Lehner, Gerald: Das menschliche Maß. Eine Utopie? Gespräche mit Leopold Kohr über sein Leben. Verlag Edition Tandem. Salzburg 2014. ISBN 978 – 3 – 902932 – 01 – 3

Herausgegeben in London, war es weltweit eine der ersten Schriften über sozial-und umweltverträgliche Technologie. Für Kohrs anarchistisch inspirierte Philosophie wäre „Small is powerful“ eine bessere Beschreibung. Er entwickelte eine Theorie zur Zerschlagung großer Zentralstaaten und zur Erhaltung regionaler und dörflicher Strukturen.

Oft auch als Journalist tätig, berichtete er gegen Franco und Hitler aus dem Spanischen Bürgerkrieg. Er bekämpfte im amerikanischen Exil während des Zweiten Weltkrieges als Publizist und Netzwerker zur Politik den Nationalsozialismus und trat gegenüber der US-Regierung für die Befreiung Österreichs (auch Südtirols) vehement ein. Um auf Österreichs unabhängiges kulturelles Erbe hinzuweisen, benutzte er in Zeitungsartikeln immer wieder die Geschichte des schon damals weltbekannten Weihnachtsliedes „Stille Nacht“ aus seiner alten Heimat Oberndorf bei Salzburg.

„The Breakdown of Nations“ („Das Ende der Großen“)

Als Philosoph lieferte Kohr später viel thematischen Zündstoff für „Grassroot Movements“ gegen Landflucht und gegen die Ausbeutung von Minderheiten und ländlicher Räume. Er entwickelte Strategien des Ungehorsams gegen Regierungen, Konzerne und Bürokratien. Dem Dogma, wonach nur Wirtschaftswachstum das Gemeinwohl stärke, trat Kohr seit den 1940er-Jahren entgegen. Er forderte „menschliches Maß“ und gehörte zu den Wegbereitern von Ökologie-, Bürger- und Menschenrechtsbewegungen. Seine Bücher erschienen in Englisch, Deutsch, Spanisch, Französisch, Italienisch, Japanisch und Walisisch. 1980 wurde in Neukirchen am Großvenediger die bis heute aktive Kohr-Akademie gegründet. Er stammte aus Oberndorf (Salzburg), war seit 1939 Staatsbürger der USA und starb am 26. Februar 1994 mit 84 Jahren in seiner britischen Wahlheimat Gloucester. Bis zuletzt unterstützte Kohr den österreichischen Journalisten Gerald Lehner für eine Biografie im Verlag Deuticke (1994). Auf Basis des längst vergriffenen Buches entstand dieses überarbeitete und aktualisierte Werk – mit Original-Auszügen aus mehr als 50 Stunden Gesprächen.

Die Grundlage dieses Buches bilden die mehr als 50 Stunden langen Gespräche mit Leopold Kohr, die ich 1993 und 1994 auf Tonband aufgezeichnet habe. Es sind international keine anderen Quellen bekannt, in denen der Philosoph selbst über sein Leben so ausführlich berichtet hätte. Besonders seine umfangreichen journalistischen Arbeiten im amerikanischen Exil, wo er als Kommentator und Analytiker das Hitlerregime in den führenden Zeitungen der USA und Kanadas hintergründig beleuchtete, kritisierte und bekämpfte, waren in Vergessenheit geraten und wurden erst durch meine Recherchen wiederentdeckt. Kohr hatte sich in dem noch immer vom Nationalsozialismus verseuchten Österreich der Nachkriegszeit mit der Präsentation seiner offensiven Artikel zurückgehalten. Die meisten unserer Gespräche fanden in seiner britischen Wahlheimat Gloucester statt; zuletzt wenige Wochen vor seinem Tod. Er starb am 26. Februar 1994. Um Umrisse eines so vielschichtigen Menschen zu skizzieren, genügt es nicht, sich allein auf Gesprächsinhalte zu verlassen. Erinnerungen verblassen, das Gedächtnis färbt manches positiv, manches negativ, blendet Dinge ein und aus. So war mir bald klar, dass es für ein vollständig(er)es Bild Kohrs notwendig sein würde, Ansichten seiner Zeitzeugen und Freunde einzubinden und selbst in Archiven bzw. Akten zu stöbern. Ich prüfte also viele Angaben Kohrs auf weiteren Reisen nach Großbritannien, in die USA und nach Kanada. Erstaunlich war und ist die Exaktheit seines Erinnerungsvermögens; was er mir erzählte, deckte sich mit sehr vielen Daten, Fakten und Dokumenten aus meiner Forschungstätigkeit. Wenngleich er sich vehement dagegen wehrte, über wichtige Frauen in seinem Leben zu erzählen, konnte ich auch dieses Kapitel beleuchten. Im Frühjahr 1993 nahm ich ein paar Tage Urlaub vom Radiojob und flog das erste Mal zu Kohr nach Gloucester in Großbritannien.

Anarchismus

Fast den ganzen ersten Nachmittag redeten wir über den Spanischen Bürgerkrieg, das Buch von Hans Magnus Enzensberger „Der kurze Sommer der Anarchie“, das ich bereits als Jugendlicher mit Begeisterung gelesen hatte und über seinen Gefährten George Orwell alias Eric Arthur Blair, den Kohr als junger Reporter 1937 in Valencia kennengelernt hatte. Bald kamen wir auch auf Henry David Thoreau zu sprechen, Kohr, 54 Jahre älter als ich, hatte dessen Buch „Walden oder Leben in den Wäldern. Von der Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“ als Jugendlicher ebenso gerne gelesen wie ich. Der Transzendentalist Thoreau beschäftigte sich literarisch im 19. Jahrhundert mit der Flora und Fauna seiner landschaftlich gar nicht spektakulären Waldheimat von Massachusetts an der Ostküste der USA. Als Gegner der Puritaner gehörte er neben Nathaniel Hawthorne, Margaret Fuller und Ralph Waldo Emerson zu den „Transzendentalisten“, die das Sendungsbewusstsein weißer Einwanderer als Ursache elementarer Zerstörung von amerikanischen Kulturen und Lebensräumen brandmarkten.

Kohrs „Originalton“

Der österreichisch-amerikanische Philosoph Leopold Kohr missbilligte den Rassismus aus tiefster Seele. In sehr jungen Salzburger Jahren noch glühender Sozialdemokrat, war der Austro-Amerikaner im hohen Alter eher dem Pragmatismus zugeneigt; während man von ihm – dem nunmehr sehr lebenserfahrenen Anarchisten – radikalere Positionen erwartete. In einem Gespräch über die Sklaverei in dem (von ihm als vorbildlich angesehenen) antiken Griechenland sagte Kohr:

„Die Welt war leider nie auf Gerechtigkeit gebaut, und eine klassenlose Gesellschaft wäre wie eine sexlose Gesellschaft.“

Kurzzitate wie dieses und auch längere Teile aus meinen Gesprächen mit Leopold Kohr habe ich in den Kapiteln integriert. So „hören“ wir Kohr beim Lesen zwischendurch immer wieder im „Originalton“ (OT), wie wir Rundfunkleute sagen. Wenn ich an seine Stimme, den leichten Sprachfehler, das Genuschel des Schwerhörigen, sein Fuchteln mit dem Hörgerät, das ungebrochene Charisma des Hochbetagten, die jugendlich blitzenden Augen und manches Streitgespräch zurückdenke, dann sitzen wir noch immer beisammen; so viele Jahre nach seinem Tod. Da erinnere ich mich an Kohrs Poesie, seine manchmal auch ärgerliche Sturheit, die Widersprüche zwischen Theorie und Praxis, seinen Charme und diese kreative Widerspenstigkeit. Und wenn ich im Seekajak oder in den Bergen unterwegs bin, dann weiß ich, warum er Thoreau so mochte.

Bibliografie, Bestellungen über den gut sortierten Buchhandel – digital im Web auch via amazon.de (Belieferung läuft). Das Buch ist im Frühling 2014 im Verlag Edition Tandem (Salzburg) erschienen.

Lehner, Gerald: Das menschliche Maß. Eine Utopie? Gespräche mit Leopold Kohr über sein Leben. Salzburg 2014. ISBN 978 – 3 – 902932 – 01 – 3