„stille nacht“ als kampflied

In seinem Bericht für die „Los Angeles Times“ vom 8. Februar 1942 fantasierte Kohr unter dem Pseudonym Hans Hofer, Deutschland werde in einem Jahr besiegt sein. Denn die Moral der Nazis sinke. Und die Österreicher würden bald selbst eine massive Widerstandsfront eröffnen. Solche Märchen gehörten zu Kohrs Taktik gegenüber dem Weißen Haus, der Armeeführung und dem Establishment der USA. Bei seiner psychologischen Kriegsführung gegen Hitler hatte der Salzburger noch andere Waffen im Arsenal, um auf die Tränendrüsen der Amerikaner zu drücken.

Millionen Menschen in aller Welt singen „Stille Nacht, heilige Nacht“ zu Weihnachten, in vielen Dutzend Sprachen und weltweit wissen noch immer vergleichsweise wenige, woher es kommt. Leopold Kohr benutzte es als politisches Kampflied im Rahmen seiner Propaganda gegen Nazideutschland und für die Befreiung Österreichs. Es war 1818 in Kohrs Salzburger Heimatstadt Oberndorf uraufgeführt worden. Das nutzte er aus, um den Amerikanern alljährlich zu Weihnachten Österreichs eigenständige Kulturgeschichte zu präsentieren – in Dutzenden Zeitungsartikeln. Zum Beispiel in einer liebevoll gestalteten Story für das Magazin des amerikanischen Jugendrotkreuzes, die er Weihnachten 1944 veröffentlichte. Die Illustratorin Lillian Neuner zeichnete für Kohr das idyllisch verschneite Oberndorf im Vordergrund, weiter hinten den Mönchsberg mit der Festung Hohensalzburg. Im Hintergrund leuchten die Alpen und über der Idylle die  Sterne der Heiligen Nacht. Der Text suggeriert, sein Autor sei tief religiös. Wer Kohr gut kannte, muss spätestens an dieser Stelle schmunzeln. Er verpackte viel Wehmut in seine Zeilen:

 “Oberndorf is only a small village in Austria. But it is my village, and this is why I often like to think of it. In the distance rise the mighty chains of the Alps to her majestic height. And the melody will float out again from the village which created it to the world to which it belongs.”

Die Menschen von Oberndorf in Österreich seien stolz, schrieb Kohr, dass ihre Heimat auserwählt worden sei, die Menschheit reich zu beschenken. Mit diesem Lied, das so einfach und schön sei und die Herzen berühre. Weder Beethoven noch Schubert hätten so etwas schreiben können. Es sei ein Lied, das nur in einem Dorf habe entstehen können, geschaffen aus tiefem Glauben und dem Trost, der in solchen Gegenden spürbar ist. „Silent Night“, die wunderbare Hymne der Christenheit, entstanden im kleinen Österreich:

“Then, wherever I am, in Paris, in London, in New York, in Toronto or in Los Angeles,everbody sings Silent Night.”

Während Kohr die Emotionen seiner Leser schürte, schlug er die Brücke zur Politik. Er schilderte ein Erlebnis, das drei Jahre zuvor – zu Weihnachten 1941 – stattgefunden hatte. Kohr war damals in Washington DC im Garten des Weißen Hauses mit dabei, als dort eine große Menschenmenge darauf wartete, dem US-Präsidenten Segenswünsche zu übermitteln. Franklin D. Roosevelt hatte seinen britischen Verbündeten Winston Churchill zu Gast. Die Staatsführer waren wegen Hitlers Siegen in größter Sorge und berieten, was zu tun war. Als die Dämmerung hereinbrach, betraten Roosevelt und Churchill die Terrasse und sangen mit den versammelten Menschen „Silent Night“. Drei Jahre später beschrieb nun Kohr – ein Jahr vor Ende des Zweiten Weltkrieges – dieses Szenario im Magazin des Jugendrotkreuzes der USA:

“Maybe it was only I who had tears in my eyes. But I thought, sometime, when freedom and peace reign over the world again, and Austria is independent anew, I will tell them at home about the President and the Prime Minister singing Silent Night.“

Noch perfekter ließen sich Weihnachtskitsch, Gefühle, Politik und Krieg kaum verbinden. Bis Mitte der 1950er-Jahre produzierte Kohr viele Storys dieser Art in unterschiedlichen Längen und Tonlagen. Nach Kriegsende – als es um die Neuerrichtung des österreichischen Staates bis 1955 ging – nahm er sein politisches Kalkül etwas zurück und konzentrierte sich noch mehr auf die reinen Gefühlsebenen, das Leuchten der Kinderaugen und die Idylle des befreiten Österreich. Chefredakteure rissen ihm solche Artikel für Weihnachten jedes Jahr aus der Hand. Die Sammelmappe meines Kohr-Archivs ist dick, und fast scheint es, als hatte der Salzburger Kohr mit „Silent Night“ für amerikanische Medien im Winter sogar ein eigenes Ressort erfunden.

Bibliografie, Bestellungen über den gut sortierten Buchhandel – digital im Web auch via amazon.de (Belieferung läuft)

Das Buch ist im Frühling 2014 im Verlag Edition Tandem (Salzburg) erschienen.

Lehner, Gerald: Das menschliche Maß. Eine Utopie? Gespräche mit Leopold Kohr über sein Leben. Verlag Edition Tandem. Salzburg 2014. ISBN 978 – 3 – 902932 – 01 – 3

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