flucht vor den nazis

Hitlers „Anschluss“: Wie es Kohr nach Amerika schaffte

Winter 1937/38. Der knapp 29-jährige Leopold Kohr kehrte aus dem Spanischen Bürgerkrieg zu seiner dänischen Freundin nach Paris zurück. Sie studierten, mieteten ein billiges Hotelzimmer in der Nähe von Notre Dame. Kohr verdiente Geld als Journalist. Nachrichten aus der Heimat Österreich ließen nichts Gutes erwarten. Es wurde Frühling. Er träumte, wachte oft schweißgebadet auf, sah im Traum die Nazihorden der SA in ihren Braunhemden; wie sie die Brücke der Salzach überquerten zwischen der bayerischen Kleinstadt Laufen und seiner Heimatgemeinde Oberndorf im Land Salzburg. Eine Woche später war es tatsächlich so weit. Hitlers Truppen überschritten die Staatsgrenze von Österreich. Aber nicht bei Oberndorf. Zwanzig Kilometer nördlich fuhr am 12. März 1938 ein gepanzerter Mercedes-Geländewagen am Nachmittag bei Simbach über die Brücke des Inn nach Braunau: Hitler und seine Offiziere der „Wehrmacht“ und der SS. Österreichs Bundesheer hatte keinen Widerstand geleistet. So betrat Hitler in seiner Geburtsstadt Braunau erstmals wieder österreichischen Boden, fuhr weiter nach Linz und Wien. Schon in den ersten Tagen begann die Gestapo mit Verhören, Folterungen und politischen Morden. Die ersten Österreicher wurden in das Konzentrationslager Dachau bei München verschleppt. Der 28-jährige Kohr blieb in Paris und wartete ab. Einen Tag nach Österreichs „Anschluss“ war er zu einer Party von Auslandsösterreichern eingeladen. Der Gastgeber hieß Ernst Hoor, ein junger Diplomat und Lehrer aus Wien, der in der Nähe der Champs Elysees eine kleine Wohnung besaß. Hoor machte Kohr mit anderen Österreichern bekannt, auch mit dem 25-jährigen Otto Habsburg, dem Sohn des letzten Kaisers. Der richtete am 16. März 1938 in der Zeitung „Petite Parisienne“ einen Aufruf an die freie Welt, endlich militärisch gegen Nazideutschland vorzugehen.

„Der Ernst Hoor hat gesagt, Majestät, darf ich Ihnen den Leopold Kohr aus Oberndorf vorstellen. Und ich habe dann zum Otto gesagt, mit dem Sektglas  in der Hand, Majestät, ich muss Sie warnen. Ich kann nämlich mit der Monarchie nichts anfangen, weil ich ein Sozialist bin. Das stört gar nicht, hat der  Otto gesagt, er sei auch irgendwie ein Sozialist. Er hat mir dann herzlich die Hand geschüttelt.“

Wurde in Paris dann eine Widerstandsgruppe gegründet?

„Ja, natürlich, gleich an diesem Abend. Dem Hitler zeigen wir es, dachten wir. Ich war dann einer der Delegierten, die ein paar Tage später mit dem Ernst Hoor nach Genf gefahren sind. Zum Völkerbund. Die hatten dort nach dem Untergang Österreichs ihre erste Sitzung. Wir wollten beim Völkerbund erreichen, dass die deutschen und österreichischen Flüchtlinge getrennt behandelt werden. Denn wenn wir mit den deutschen in einen Topf geworfen werden, dann wäre das so eine Art internationale Anerkennung des Anschlusses Österreichs an Deutschland gewesen. Das wollten wir verhindern. Unsere österreichische Delegation, gegründet auf dieser Party in Paris, war zahlenmäßig viel größer als die britische. Auch die Vereinigten Staaten hatten weniger Leute zum Völkerbund nach Genf geschickt. Wir Österreicher waren eine ganze Woche dort.  Das Resultat war Null, die Unterhaltungen schön. Ich bin dann wieder zurück nach Paris gefahren.“

Bei einer Kontrolle musste Kohr seinen österreichischen Pass vorweisen. Der französische Polizist betrachtete ihn, Kohr sei also ein Deutscher, alles in Ordnung. Kohr protestierte: „Nichts ist in Ordnung. Ich bin kein Deutscher, sondern Österreicher!“ Der Polizist entgegnete, Österreich gehöre doch neuerdings zu Deutschland. Ähnliche Erfahrungen machten auch Kohrs Freunde in Frankreich. Es war ein Schock für viele Flüchtlinge. Die Behörden hatten die Verbrechen Hitlers also indirekt längst anerkannt. Ein schwerer Schlag. Wenige Wochen nach Hitlers Einmarsch veröffentlichte Leopold Kohr einen Artikel in der französischen Zeitschrift „Globe“: „Sa Guerre“ („Sein Krieg“). Kohr warnte vor Hitlers Größenwahn, der für die ganze Welt gefährlich sei. Er kritisierte die weiche Haltung Großbritanniens, Frankreichs und der USA, die zu lange den Treiben der Nazis zugesehen hätten. Kohr brandmarkte das verhängnisvolle Gipfeltreffen vom 29. September 1938 in München, bei dem Mussolini und Hitler den britischen Premier Chamberlain und den französischen Regierungschef Daladier über den Tisch gezogen hatten. Hitler hatte eine Art Freibrief erhalten, die deutschsprachigen Teile der Tschechoslowakei zu besetzen. Als Kohr die Story in Paris publiziert hatte, erntete er Hohn und Spott. Viele Franzosen bewunderten Hitler wegen seiner waghalsigen Aktionen. Antisemiten und Rechtskonservative in vielen Teilen Europas sympathisieren mit dem Kommunistenfresser in Berlin. Endlich einer, der gegen den „kulturellen Sumpf der Moderne“ durchgreife, hieß es.

Kohr war entsetzt, dass bei Franzosen und Briten nicht mehr Widerstand gegen die Nazis vorhanden zu sein schien. Er kam zur Überzeugung, dass Frankreich kein sicherer Boden mehr war. So hoffte er  auf die Hilfe seines Mentors Egon Ranshofen-Wertheimer, eines gebürtigen Innviertlers aus Braunau und Freund seines Vaters, den er schon seit seiner Jugend kannte. Jahrgang 1894, arbeitete Ranshofen-Wertheimer als Diplomat für den Völkerbund. In den 1920er-Jahren hatte er dem frischgebackenen Maturanten  Leopold Kohr einen Studienplatz an der London School of Economics vermittelt. Durch seine Beziehungen konnte Kohr in der amerikanischen Botschaft von Paris vorsprechen. Die Auskunft des zuständigen Beamten dort enttäuschte ihn. Alles deutete darauf hin, dass neben Großbritannien und Frankreich auch die USA nun Österreich als Teil Deutschlands betrachteten. Er dürfe kein Visum ausstellen, wenn nicht deutsche Behörden zustimmen, sagte der  amerikanische Beamte in Paris. Der zusätzliche Stempel sei unbedingt nötig. Kohr war schockiert.

Wenig später schaffte er es im letzten Moment auf ein Schiff in die USA – von Frankreich aus. Kohr ging am 31. Oktober 1938 in New York an Land. Wie es dazu kam, und wie sein turbulentes Leben weiterging:

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Das Buch ist im Frühling 2014 im Verlag Edition Tandem (Salzburg) erschienen.

Lehner, Gerald: Das menschliche Maß. Eine Utopie? Gespräche mit Leopold Kohr über sein Leben. Verlag Edition Tandem. Salzburg 2014. ISBN 978 – 3 – 902932 – 01 – 3

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