wales

Kampf gegen England

„Fern Hill
Als ich noch jung war
Und leicht unter den Apfelzweigen
Rund um das trällernde Haus
Und so glücklich war wie das Gras grün…
Oh, als ich jung war und leicht,
In seiner gewaltigen Kräfte Gnade
Hielt Schwager Zeit mich, grün und sterbend.
Ob ich auch sang in meinen Ketten wie die See.“

Dylan Thomas

Nervt Sie das, wenn eine Sportlerin aus Schottland vom Reporter im Fernsehen als „Engländerin“ bezeichnet wird? Ärgern Sie sich, wenn Ihnen das Reisebüro einen Flug nach Edinburgh so verkauft: „Viel Spaß in England!“ Den meisten Mitteleuropäern sind solche Ausrutscher gleichgültig, sie assoziieren die britischen Inseln mit „England“. Probieren Sie in einem Wintersportgebiet der Alpen, einen waschechten Schotten, katholischen Nordiren oder Bewohner der Isle of Man als „Engländer“ anzureden. Bon jour Tristesse. Das wäre so, als würde man deutschsprachige Schweizer vom Vierwaldstättersee, Tiroler oder Wiener als Deutsche bezeichnen. Wie kommen kleinere Völker dazu, von der Hegemonie größerer Mächte kulturell und sprachlich ignoriert zu werden? Im Fußball scheint die internationale Gemeinschaft gerechter zu sein. Hier gibt es sehr wohl Nationalteams der Schotten, Engländer, Waliser, Nordiren und Iren. Selbst die Färöer haben eines.

Leopold Kohr war bis zu seinem Tod über beide Ohren in dieses Thema verstrickt. 1973, als Schumachers Bestseller „Small is beautiful“ erschien, verbrachte Kohr seine letzten Monate an der Universität von San Juan in Puerto Rico. Danach ging der 64-Jährige in Pension. In den Jahren zuvor hatte er seine Kontakte nach Wales intensiviert, weil sich walisische Sozialisten und Separatisten für seine Bücher besonders interessierten. Kohrs Thesen waren aus deren Sicht recht brauchbar für den politischen Kampf gegen die Vorherrschaft der englischen Könige, Adligen und Großgrundbesitzer, die neben Schottland und Irland auch Wales seit Jahrhunderten unterdrückten und ausbeuteten.

Kohr folgte dem Ruf der Waliser. Er übersiedelte 1973 nach Aberystwyth an die Atlantikküste, in die kleine Hafenstadt an der Irischen See, etwas nördlich von Bristol und Swansea. An der Universität von Aberystwyth bekam er einen Lehrauftrag. Wie es seine Art war, schloss er schnell Freundschaften und Bekanntschaften – zum Beispiel mit den walisischen Anthropologen Alwyn Rees und Brynmore Thomas oder dem jungen Literaturwissenschafter Walford Davies, einem Spezialisten für die Poesie des walisischen Dichters Dylan Thomas. Kohr unterstützte die Unabhängigkeitsbewegung „Plaid Cymru“, die bis heute für eine Loslösung von Wales aus englischer Vorherrschaft kämpft – mit friedlichen Mitteln. Kohr arbeitete eng mit dem Rechtsanwalt, Separatistenführer und Sozialisten Gwynfor Evans zusammen, der am 21. April 2005 mit 93 Jahren verstarb und damit Kohr um mehr als elf Jahre überlebte.

In der Lebensgeschichte des walisischen Nationaldichters Dylan Thomas, der sich in Amerika zu Tode soff, zeigt sich der Blues dieser Landschaften zwischen Atlantischem Ozean und den Bergregionen im Norden und Osten von Wales. Fern Hill heißt dort ein Bauernhof nahe der Ortschaft Llangain. Das kleine Anwesen gehörte der Tante von Dylan Thomas. Hier verbrachte er als Kind die Sommerferien. Der Poet wurde am 27. Oktober 1914 in Swansea geboren und starb mit 39 Jahren in New York. Dazwischen lag ein Leben keltischer Traurigkeit. Dass er noch zu Lebzeiten berühmt wurde, konnte Dylan
Thomas nicht trösten.

Österreicher und Waliser: Alles Kelten?

Auf dem Weg nach Nordwesten war im Altertum an den Küsten von Wales endgültig Schluss für die Wanderer. Über viele Jahrhunderte hatten die Kelten den europäischen Kontinent durchquert und besiedelt. Sie fanden sich in wegloser Wildnis zurecht, gingen über Hochgebirge, durchquerten Ebenen, Moore und Urwälder, überwanden und nutzten riesige Flüsse, gingen nach Norden und Süden, Osten und Westen. Woher ihre Ahnen kamen, niemand weiß es. Die der Morgensonne entgegen zogen, ihre Kindeskinder, erreichten Asien. Diese „Galater“ ließen sich in Anatolien nieder. In der anderen Richtung waren es gallische Kelten, die von ihren Klippen den Atlantischen Ozean betrachteten. Betragne, Normandie, Irland, Schottland oder Cornwall, hier gründeten sie ihre Dörfer und Festungen. Und in Wales, das eines ihrer Kernländer wurde. Die Region des heutigen Salzburg war auch eines, wo die keltischen „Taurisker“ und „Ambisontier“ lebten:

„Die Österreicher sind die Kelten, die zu Hause geblieben sind“, schmunzelte Kohr, wenn er von Wales erzählte. Und es sei auffallend, wie sehr die Waliser und den Österreichern ähnlich würden:

„In Charakter, Sturheit, Temperament und leider auch in der Schlamperei. Von Geburt bin ich Österreicher und laut Staatsbürgerschaft ein Amerikaner. Der Wohnsitz macht mich zum Engländer. Aber im Herzen bin ich längst ein Waliser geworden.“

Kohr hat von 1973 an – als er in Puerto Rico in den Ruhestand trat – fast vierzehn Jahre in Wales gewohnt. Die Region beschäftigte ihn bis zu seinem Tod. Schon 1957 hatte sein Interesse begonnen. Damals las der walisische Sozialist und Pazifist Gwynfor Evans in einer englischen Zeitung eine Rezension über Kohrs „The Breakdown rof Nations“. Es wurde vernichtend kritisiert. Gerade deswegen interessierte sich Evans dafür: Was von Engländern verdammt wird, kann für Wales nur gut sein, dachte er sich. Es begann ein langer Briefwechsel mit Kohr in Puerto Rico. Evans lud ihn ein. Und Kohr kam nach Wales. Immer öfter. Meistens in den Sommerferien. Schon 1958 lehrte der Österreicher ein ganzes Jahr als Gastprofessor in Swansea. Walisische Politik gegenüber England ist seit langem ein Minenfeld mit vielen Widersprüchen. Viele Bergarbeiter in Wales sind Mitglieder bei britischen Gewerkschaften und der Labour Party. Bei der Nationalpartei „Plaid Cymru“ (PC) geben aber ebenfalls Sozialisten den Ton an, neben Pazifisten und Umweltbewegten. Bis heute ist in der PC der Austroamerikaner Leopold Kohr ein Schutzpatron dieses „kleinen“ keltischen Nationalismus. Die ganze Region hat insgesamt nur 2,75 Millionen Einwohner. Kohr stand – wie erwähnt – schon in Puerto Rico in Kontakt mit den Walisern.

Gegner von Margaret Thatcher

So schrieb er für die Universität Swansea eine Studie: „Is Wales viable?“ („Ist Wales lebensfähig?“) Er beleuchtete den englischen Kolonialismus und die jahrhundertelange Ausbeutung durch die Obrigkeiten in London. Wenn Wales seine Ressourcen für das eigene Wohl verwenden könnte, dann wäre es gut möglich, sich rasch aus britischer Herrschaft zu befreien und einen eigenen Staat zu gründen, schrieb Kohr. Er unterstützte bis zu seinem Tod die „Plaid Cymru“, die sich den zivilen Ungehorsam gegenüber London auf die Fahnen heftete. Kohr war in Wales auch deshalb ein Nationalheld, weil er mithalf, dass die BBC einen walisischsprachigen Fernsehkanal einrichten musste. Ein eigenes Programm war den Walisern schon lange von Labour-Regierungen versprochen worden. Als dann die radikale Konservative Margaret Thatcher an die Macht kam, war Schluss mit möglichen Extrawürsten und autonomen Ansätzen für die kleinen Völker Großbritanniens. Das Fernsehen hatte laut Thatcher rein englisch zu sein. Danach könne man ja sehen, ob ein walisischer Sender noch immer nötig sei, schrie sie. Kohr wetterte noch im hohen Alter gegen Thatcher:

„In einem Zeitalter, in dem Fernsehen das einflussreichste Massenmedium geworden ist, wäre das der Anfang vom Ende der walisischen Alltagskultur gewesen.“

In Wales gab es dann große Demonstrationen für ein eigenes Fernsehen, wie sie das Land noch nicht gesehen hatte. Drei Universitätsprofessoren legten einen englischen Radiosender bei Dyfed lahm. Leute aus allen sozialen Schichten protestierten gegen den englischen Sprach-Imperialismus. Der walisische Nationalist und Parteiführer von „Plaid Cymru“,  Gwynfor Evans, trat in den Hungerstreik. Gleichzeitig startete sein Freund Leopold Kohr, der nun schon am University College von Aberystwyth unterrichtete, eine Leserbriefaktion in britischen Zeitungen – wie er es in Puerto Rico gegen die Vorherrschaft der USA und während des Zweiten Weltkrieges in den USA gegen die Nazis in Österreich getan hatte.

Kohr bombardierte Parlamentsabgeordnete aller Parteien in London mit Protestschreiben. Er zwang die Zentralmacht auch mit Leserbriefen zur Diskussion. Und Kohr schlug der Regierungschefin Thatcher vor, probeweise ein paar Jahre walisisches Regionalfernsehen zu gestatten. Die Londoner Zentralregierung fürchtete Unruhen wie in Nordirland. Internationale Medien berichteten. 1982 gab die Regierung Thatcher nach. Seither ist „Sianel 4 Cymru“ in Betrieb.

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Das Buch ist im Frühling 2014 im Verlag Edition Tandem (Salzburg) erschienen.

Lehner, Gerald: Das menschliche Maß. Eine Utopie? Gespräche mit Leopold Kohr über sein Leben. Verlag Edition Tandem. Salzburg 2014. ISBN 978 – 3 – 902932 – 01 – 3

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